Bei vielen berühmten Menschen wird erzählt, was ihre letzten Worte waren. Dabei geht es nicht um die Dokumentation von bestimmten Texten, sondern eher um eine Art „Nachlass im Telegrammstil“. Vom großen Dichter Johann Wolfgang von Goethe wird der Ausruf „Mehr Licht“ erzählt.
Licht ist mehr als ein physikalisches Phänomen. Licht macht die Welt für uns eigentlich erst erfahrbar. Ohne Licht würden wir „im Dunkeln tappen“. Aber auch erst, wenn wir auf das Licht verzichten müssen, wird uns dies bewusst.
So ist es eine interessante Fügung, dass das Licht in der Natur, zumindest auf unserer Erde, immer neu kommt und auch wieder verschwindet. Ja, wir messen unsere Zeit sogar nach diesem Kommen und Gehen des Lichtes. Der Tag wird gemessen als Zeitspanne einer Hell- und einer Dunkelzeit. Und auch das Jahr wird gemessen als Zeitspanne in der die Hellzeiten wachsen und wieder abnehmen.
Jetzt im Juni ist die Zeit der längsten Tage und der kürzesten Nächte. In der Natur ist so viel Licht, wie sonst nie. Wie aber sieht es aus mit dem Licht im übertragenen Sinn: mit dem Verstehen der Welt?
In den Wissenschaften erreichen wir außergewöhnliches, unser Blick auf die Natur der Welt hat sich im vergangenen Jahrhundert mehr als einmal grundsätzlich gewandelt.
Beim Blick auf unsere Mitmenschen aber stehen wir vor so vielen ungelösten Fragen. Wir leben immer mehr nicht miteinander, sondern aneinander vorbei. Wir reden - obwohl wir die gleiche Sprache verwenden - so oft aneinander vorbei. Und das in einer Zeit, in der doch die Möglichkeiten miteinander zu kommunizieren immer vielfältiger werden.
Eine Lösung zeigt sich, wenn wir in den Spiegel schauen und einmal unser eigenes Gesicht betrachten: Da sehen wir zwei Ohren und nur einen Mund - doppelt so viel Möglichkeiten zum Zuhören als Möglichkeiten zum Sprechen.
Darin kann man auch eine Anleitung für gutes Kommunizieren finden: Es ist doppelt so wichtig, dass man hinhört, als dass man selbst spricht. Wie oft meinen wir, dass wir schon nach den ersten Worten unserer Gegenüber wissen, was sie uns sagen wollen, und liegen dabei genauso oft daneben. „Mehr Licht“ in unsere Gespräche würde aber ein richtiges Zuhören bringen.
Dass wir die Kunst des Zuhörens nicht üben, ist vielleicht auch der Grund für so viel Unzufriedenheit in unserer derzeitigen Gesellschaft. Wir sehen die Handlungsweise unserer Mitmenschen aber nicht die Gründe, die zu dieser Handlungsweise führen. Wir sehen Ergebnisse aber nicht die Ursachen, die diese Ergebnisse hervorbringen.
„Mehr Licht!“ Der Wunsch des Dichterfürsten vor 200 Jahren ist auch (oder vielleicht gerade) ein Wunsch für unsere Zeit. Dabei geht es aber nicht nur um das Licht, das unsere Augen aufnehmen, sondern auch um das Licht, das unsere Ohren aufnehmen.
Dieses Licht ist uns allen zu wünschen.
Gerhard Hanft
Pfarrer in solidum. Burgsinn

