Eine Frau mittleren Alters, von langer schwerer Krankheit ausgezehrt, gezeichnet. Sie hat sich auf die Bettkante gesetzt und schaut mir direkt in die Augen: „Was habe ich verbrochen, dass ich so gestraft werde?“ Sie erwartet wohl nicht wirklich eine Antwort. Aber sie stellt diese Frage, weil da einer bei ihr ist, der irgendwie mit Gott zu tun hat. Mit dem Allmächtigen, dem Herrn des Schicksals, der uns Schönes und Schreckliches beschert. Er soll sie hören, diese verzweifelte Klage.
Mir ist es oft begegnet, das große Warum hinter einer Lebensgeschichte. Den Versuch habe ich nie gewagt, hier etwas zu erklären, zu rechtfertigen. Ich hatte keine Antworten. Es war nicht der Gott, von dem ich reden, an den ich glauben konnte. Ich sah nur den Fremden, den Verborgenen, dessen Macht man sich vielleicht unterwerfen musste. Aber ihn lieben, ihn aus ehrlichem Herzen anbeten? Unmöglich! „Liebe dein herrisches Schicksal“, schrieb Friedrich Nietzsche, „du hast keine Wahl!“ Stand dem Philosophen und Pfarrerssohn am Ende jener Götze vor Augen, den die Menschen sich aus ihren Phantasien über den Allmächtigen selbst erschaffen hatten? Du sollst dir kein Gottesbild machen, heißt es warnend im 2. Gebot. Und das Johannesevangelium bekennt: „Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat es verkündigt“. Mit unüberbietbarer und zugleich anstößigster Deutlichkeit sagt Jesus: „Wer mich sieht, der sieht den Vater.“
Wer ist Gott? Ich glaube, dass Gott selbst die Antwort gab. Und er legte diese Antwort in die Krippe von Bethlehem. Von hier aus dürfte alle Spekulation, sei sie angstvoll oder geistreich, ihre Grenze finden. So birgt die Heilige Nacht etwas zutiefst Heilendes. Gott lässt sich erfahren und erkennen in der Geschichte eines Menschen. Jesus überwältigt und zwingt nicht. Er lädt ein. Der Mann aus Nazareth kennt die Feuer, zwischen denen die Menschen leben müssen. Er erzählt in einprägsamen Bildern von seinem Vater und ermutigt zum Vertrauen. Er heilt. Er überwindet selbst die Macht des Todes. Schon über seiner Geburt stehen die Worte der Engel: „Fürchtet euch nicht, denn euch ist heute der Heiland geboren!“
Martin Luther formuliert die tiefste Wahrheit unseres christlichen Glaubens: „Wir fassen keinen anderen Gott als den, der in jenem Menschen ist, der vom Himmel kam. Ich fange bei der Krippe an.“
Ich wünsche Ihnen für das neue Jahr 2026 eine tiefe Geborgenheit im Vertrauen auf Gott in Christus!
Michael Nachtrab
Evangelischer Pfarrer in Partenstein

